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Über ein Tabuthema: Gewalt in Betreuung und Pflege

Die Evangelische Altenhilfe Duisburg trägt Sorge für das Wohlergehen ihrer Mitarbeitenden. Ein Konzept zur Prävention von Gewalt und zum Verhalten im Ernstfall ist erstellt.

 

Ein Klient mit geistiger Behinderung begrüßt seine Betreuerin, umklammert sie dabei sehr feste und beißt sie unvermittelt in die Schulter.

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Eine Bewohnerin fährt Mitarbeitende mutwillig und kraftvoll mit ihrem Rollator an, außerdem schlägt sie regelmäßig.

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Ein mehrfach behinderter Junge strampelt und tritt beim Windelwechsel so stark, dass zwei Betreuungskräfte erforderlich sind.

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Ein Bewohner macht gegenüber der jungen Altenpflegeschülerin wiederholt anzügliche Bemerkungen.

 

Szenarien wie diese sind in der Betreuung und Pflege zwar nicht an der Tagesordnung, aber sie sind allesamt auch nicht erfunden. Aggression ist in Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe kein Einzelfall. Mögliche Dimensionen: Gewalt von Mitarbeitenden gegen Bewohner, von Kollegen gegen Kollegen und von Bewohnern gegen Mitarbeitende. Um die Gewalt von Bewohnern gegen ihre Betreuer und Pfleger geht es in diesem Beitrag.

Arten und Folgen von Gewalt

Gewalt kann es überall geben, wo Menschen arbeiten und zusammenleben. Sie kann bei jedem Menschen auftreten – unabhängig von Alter, Geschlecht und Behinderung. Die Bandbreite reicht von Beleidigungen oder Verdächtigungen bis hin zu körperlichen Angriffen mit massiver Gewalt. Die Folgen können körperliche Verletzungen und psychische Traumata sein, die die Arbeitsfähigkeit kurz- oder längerfristig einschränken und bis zu andauernder Arbeitsunfähigkeit führen können. Wiederkehrende Gewalt durch Bewohner kann auch dazu beitragen, dass Mitarbeitende Angst vor dem Kontakt mit den ihnen anvertrauten Menschen haben und ihre Arbeit nicht mit Freude und Zufriedenheit ausüben können.

Die Zentrale Heimleitung Petra Rathofer und Martina Abendroth, Geschäftsbereichsleiterin der Amalie Sieveking Gesellschaft Duisburg, sind sich einig: „Wir lehnen jegliche Form von Gewalt ab. Unsere Kollegen haben Anspruch auf den Schutz ihrer Gesundheit am Arbeitsplatz.“ Das gelte insbesondere, weil immer mehr Bewohner und Klienten eine demenzielle Veränderung oder kognitive Einschränkungen haben.


Gerade bei Menschen mit Behinderung erzeugen Veränderungen bei Alltagsroutinen Unsicherheit und Nervosität. Das kann auch zu Aggression führen. Hier ist das Verständnis der Mitarbeitenden gefragt und ihre Fähigkeit, Situationen zu bewerten und vorausschauend zu handeln, um sich vor Gewalt zu schützen.

Verständnis und Strategien

Die Amalie Sieveking Gesellschaft Duisburg, in deren Einrichtungen Menschen mit Behinderungen leben, ist täglich mit provozierendem Verhalten von Bewohnern gegenüber Mitarbeitenden konfrontiert. Deshalb nehmen die Beschäftigten regelmäßig an Schulungen teil, um Maßnahmen zur Deeskalation zu erlernen. Unter anderem besuchen sie Fortbildungen des Trainingskonzeptes „Studio 3“ und üben einzuschätzen, wann sich Bewohner und Klienten in einer Stresssituation befinden und wie diese zu bewerten ist. Martina Abendroth erklärt: „Einerseits geht es um ein wertschätzendes Verständnis für die Handlungsweisen von Menschen mit geistiger Behinderung. Andererseits werden Strategien entwickelt, wie sich die Mitarbeitenden selbst schützen können und wie sie Gewalt begegnen.“

Da bei Menschen mit Behinderungen häufig Kommunikationsprobleme zu Gewalt führen, sind die Mitarbeitenden der Amalie Sieveking Gesellschaft Duisburg auch mit den Möglichkeiten und Methoden vertraut, wie sie sich mit ihren Bewohnern und Klienten über Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Gefühle austauschen können. Zum Einsatz kommen beispielsweise Gebärden und Hilfsmittel wie Bildkarten oder elektronische Talker.

Beauftragter für Deeskalation

Die Evangelische Altenhilfe Duisburg hat zur Gewalt gegenüber Mitarbeitenden ein Konzept erarbeitet. Darin sind unter anderem vorbeugende Maßnahmen wie Gefährdungsbeurteilungen, organisatorische und technische Vorkehrungen (z.B. Notrufsysteme), Unterweisungen und Schulungen beschrieben. Zudem ist mit Ricardo Wormann eine Führungskraft als Deeskalationsbeauftragter benannt. Der Pflegedienstleiter im Haus an der Rheinkirche absolviert im Frühjahr eine 96-Stunden-Weiterbildung. „Wir wollen unsere Kollegen für das Thema sensibilisieren und sie stärken: zur Vorbeugung, für eine mögliche Gewaltsituation und für die Zeit nach erlebter Gewalt“, fasst Ricardo Wormann zusammen.

Trotz aller Präventionsmaßnahmen lassen sich Gewaltsituationen in Betreuung und Pflege nicht vollständig verhindern, betonen Martina Abendroth und Petra Rathofer. Ihr Appell: Mitarbeitende sollen sich nicht scheuen, Gewaltpotenziale und -erfahrungen sofort anzusprechen. Im Ernstfall gibt es zeitnahe Auffanggespräche mit dem Betroffenen, dem Vorgesetzen und den Kollegen. Auch Supervisionen sind möglich. „Unsere Kollegen sollen wissen, dass wir uns um sie sorgen, dass sie ein Recht auf Hilfe haben und dass wir sie mit dem Erlebten nicht allein lassen.“


So soll es sein: Bewohner und Mitarbeiter begegnen sich freundlich und respektvoll.

 

Goldene Regeln der Deeskalation

Ein aggressiver Mensch ist ein Mensch in Not.

Betreute Menschen können aufgrund von Ängsten Aggressionen aufbauen, die sich aus scheinbar nichtigem Anlass entladen. Wenn Sie auf diese Not eingehen und Verständnis zeigen, muss der zu Pflegende nicht mehr über sein aggressives Verhalten auf sich aufmerksam machen.

Nehmen Sie verbal-aggressive Verhaltensweisen niemals persönlich.

Ein hocherregter Mensch kann nicht höflich kommunizieren. Verbale Entgleisungen, auch wenn sie sich direkt an Sie wenden, sind nie persönlich gemeint. Hören Sie nicht auf das Wie, sondern auf das Was, damit Sie die Informationen erhalten, die Sie brauchen, um deeskalierend auf den Menschen einzuwirken.

Nutzen Sie verbale Deeskalationstechniken.

Hören Sie genau hin, was die erregte Person Ihnen sagt, und spiegeln Sie wider, was Sie verstanden haben. Zeigen Sie, dass es Ihnen leidtut und dass Sie sie verstehen. Solidarisieren Sie sich, indem Sie zustimmen, dass das, was sie gerade erlebt, aus ihrer Sicht wirklich schlimm ist.

Schützen Sie sich vor gewalttätigen Menschen.

Ein erregter Mensch kann gefährlich werden: Daher informieren Sie andere, wenn Sie einen Klienten aufsuchen, der zu Aggressionen neigt, oder bitten Sie Kollegen mitzukommen. Grundsätzlich sollten Sie immer darauf achten, dass Sie sich in der Nähe der Tür aufhalten.

Achten Sie in einer angespannten Situation auf Frühwarnzeichen eines drohenden Übergriffs.

Das könnte eine immer größer werdende Angespanntheit der betreuten Person oder ein plötzlicher Stimmungswechsel sein, weit aufgerissene Augen oder ein schnellerer Atemrhythmus.

Verhalten während eines tätlichen Angriffs

Gehen Sie gegen Angriffe niemals alleine vor. Fangen Sie niemals an, selber zu schlagen, zu treten oder zu kämpfen.

Verhalten nach einem Übergriff

Ein Übergriff kann schwere körperliche und psychische Auswirkungen auf Sie haben: Gefühle der Entwürdigung, Ohnmacht und Scham oder zermürbende Selbstvorwürfe müssen zeitnah ausgesprochen werden. Vertrauen Sie sich daher nach einem tätlichen Angriff sofort einem Kollegen an und lassen Sie auch Bagatellverletzungen ärztlich untersuchen.

in Auszügen aus:
Gewalt und Aggression gegen Beschäftigte in Betreuungsberufen
Erstveröffentlichung (10/2016) der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW); www.bgw-online.de/gewalt