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Fallbesprechung: Weil Sterben und Tod zum Leben gehören

Halb zehn in einer Einrichtung der Evangelischen Altenhilfe Duisburg (EAHD): Ich bin zu Gast bei einer Palliativ-Fallbesprechung. Palliativ-, Demenz- und allgemeine Fallbesprechungen werden regelmäßig in allen sechs Häusern der EAHD durchgeführt. Die Menschen, die in den Pflegeeinrichtungen leben, haben Wünsche und Bedürfnisse. Die Mitarbeiter wollen diese ermitteln, um sie zu erfüllen. Denn das Wohl der Bewohner ist der wichtigste Auftrag. Ich sehe mich in der Runde um, sehe, dass nicht nur der Pflegedienstleiter, Pflegekräfte im Raum sind, sondern auch Mitarbeiter aus der Sozialen Betreuung sowie eine Verwaltungsangestellte. Der Pflegedienstleiter, der die Fallbesprechung moderiert, erklärt direkt zu Beginn, dass durch das Bündeln der Sichtweisen verschiedenster Abteilungen, Lösungsfindungen einfacher sind, da jeder eine andere Perspektive habe. Dieses gemeinschaftliche Handeln ist von den Bewohnern immer ausdrücklich gewünscht.

Auch heute sitzt ein Bewohner in der Runde, der das so will. Er ist 67 Jahre alt und gebürtiger Duisburger. Der freundliche Herr erlaubt mir, bei seiner Palliativ-Fallbesprechung zuzuhören. Das freut mich. Ich habe noch keine Ahnung, was gleich besprochen wird oder eher wie es besprochen wird. Ich weiß schon, dass es um den Tod und das Sterben geht, ich dem Thema allerdings noch nicht offen genug entgegenstehe. Denn darüber reden Menschen meistens nicht. Es ist ein Tabu.

Der Pflegedienstleiter eröffnet um 9.42 Uhr die Runde. Mit ruhiger und warmer Stimme begrüßt er den 67-Jährigen und die Teilnehmer. Der sympathische Senior lächelt und sagt freundlich „Hallo“.  Es geht um seinen Tod und sein Sterben, um wichtige Vorkehrungen, die er deshalb treffen will. Das macht er direkt klar. Er leidet an einer sehr schweren, chronischen und nicht heilbaren Lungenkrankheit, die langfristig zum Tod führt. Der Bewohner macht deutlich, was er will und vor allem, was er nicht will. Sofort baut er durch seine offene Art Brücken. Brücken, die es den Teilnehmern einfach machen, dieses Thema mit Normalität und Professionalität zu besprechen.

Der Pflegedienstleiter findet immer die richtigen Worte. Er hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Den Tod enttabuisieren – das sei ihm wichtig. Bewohner und Pflegedienstleiter sind sofort auf einer Wellenlänge. Es ist eine Art Symbiose. So wirkt es zeitweilig. Jeder lernt von dem anderen und erfährt dadurch Positives. Es ist nicht nur das „Wie“ seiner letzten Reise, sondern auch der Austausch von Erfahrungen, das Mitgeben von Informationen. Der Wert dieser Fallbesprechung ist schon nach 15 Minuten für jeden greifbar, auch für mich. Der Bewohner fühlt sich ernst genommen. Das Team signalisiert, ihn zu begleiten – und zwar wie er es sich wünscht. Fragen kommen auf. Wie soll der Sterbensweg, der ja auch ein Lebensweg ist, genau aussehen. Wie sein Tod?

„Ich will keine lebensverlängernden Maßnahmen“, antwortet er und fügt hinzu: „Keinesfalls eine Reanimation.“ Schmerzfrei wolle er zu jeder Zeit sein. Sterben in Würde, ohne zu leiden, das sei sein Wunsch. Eine Mitarbeiterin schreibt auf ein Flipchart, ein anderer führt ein Protokoll. Nichts darf den Mitarbeitern entgehen, das ist ihnen sehr wichtig.

Und plötzlich sagt der nette ältere Herr lachend und völlig unbedarft: „Ich will Currywurst mit Pommes.“ Die möge er besonders. Ein Lachen geht durch den Raum. Der Bewohner schmunzelt. Er entspannt die Situation so immer mehr. Denn das will er einfach. Alle bewundern ihn für seine  Kraft und Besonnenheit. Auch mein Knoten im Kopf hat sich längst gelöst. Ich höre still zu,  mache mir meine Gedanken. Ich verstehe, warum der Tod kein Tabu-Thema sein darf. Er muss greifbar sein, damit er auch geplant werden kann, wenn es jemand so wünscht. Denn jeder hat das Recht in Würde zu sterben. Dafür ist es aber wichtig, den Tod zu enttabuisieren, über ihn zu reden, zuzuhören und Wünsche zu erfüllen.

Denn diese Wünsche sind gegenwärtig, wie der nette ältere Herr weiter verdeutlicht. Wenn es soweit ist, wolle er auch gesalbt werden. Kerzen mit Vanilleduft um sein Sterbebett verteilt – das fände er schön. „Der Raum soll so bleiben, wie er ist“, unterstreicht der gebürtige Duisburger. Das Begräbnis solle unbedingt ein Urnenbegräbnis sein. Das macht er nochmal ganz deutlich. Auch über den Friedhof ist er sich im Klaren.

Sein allergrößter Herzenswunsch sei allerdings, nochmal seine Schwester zu sehen. „Das ist kein Problem“, verspricht der Pflegedienstleiter. Der macht am Ende noch eins deutlich:  „Wir sterben alle irgendwann, keiner weiß wann.“ Nach einer knappen Stunde schließt er die Fallbesprechung. Die hat mir viel mitgegeben. Zum Denken und zum Handeln. Der Tod ist kein Tabu-Thema. Das hat mir dieser starke und sehr liebe Mensch ganz unmissverständlich deutlich gemacht, an dessen Lebensweg ich ein Stückweit teilnehmen durfte. Ich freue mich, dass es diese Form der Fallbesprechungen gibt, damit jeder in Würde gehen kann. Ich muss noch viel dazulernen, denn zum Leben gehören eben das Sterben und der Tod.

Jüngst habe ich mich mit dem 67-Jährigen mal wieder unterhalten. Ich rede sehr gerne mit ihm. Es ging um Politik, Fußball und seine Heimatstadt Duisburg. Denn auch, wenn er sein Sterben und seinen Tod geplant hat, geht sein Leben weiter – und das mit Freude.

Fallbesprechung kurz und knapp

Fallbesprechungen dienen dazu, die komplexe Pflege- und Betreuungssituation eines Menschen darzustellen und diese zu verbessern. Es gibt palliative (siehe oben), dementielle und allgemeine Fallbesprechungen.

Die Entscheidungsfindung für geplante Maßnahmen wird durch viele unterschiedliche Sichtweisen der Teilnehmer unterstützt. Neben leitenden Mitarbeitern nehmen auch Pflegemitarbeiter, Betreuungsmitarbeiter oder Mitarbeiter aus der Verwaltung teil.

Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen bringen nämliche verschiedene Sichtweisen und Ideen ein. Ziel ist es, die Befriedigung der Bedürfnisse des Einzelnen.

Sein Leben steht im Vordergrund. Seine Geschichte, seine Wünsche, Bedürfnisse und Ressourcen sind handlungsleitend in der Fallbesprechung. Nimmt der Bewohner selber teil, muss er das gemeinschaftliche Besprechen seines Lebens ausdrücklich wünschen.

Die Dauer der Fallbesprechung hängt sehr stark vom jeweiligen Fall ab und kann etwa 30 Minuten oder auch mal 60 Minuten dauern. Es gibt immer ein Protokoll.

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Der Autor dieses Beitrags, Sassan Dastkutah, macht derzeit eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen. Teil dieser Umschulung ist ein halbjähriges berufsorientiertes Praktikum, das er bei der Evangelischen Altenhilfe Duisburg absolviert. Er durchläuft unterschiedliche Abteilungen der Verwaltung, um die Abläufe kennenzulernen und an typischen Aufgaben mitzuwirken.