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Alt sein selber fühlen und spüren

Wie ist es, alt zu sein? Wie verändert sich der Körper? Welche Einschränkungen der Sinne und der Motorik haben ältere Menschen? In der Theorie wissen und in der Praxis erleben Altenpfleger und Mitarbeiter der Sozialen Betreuung dies, da sie auch täglich mit älteren Menschen umgehen und aus Erfahrungen lernen. Aber wie sich beispielsweise Einschränkungen des Sichtfelds, der Sehkraft, der Kopfbewegung oder der gesamten Motorik anfühlen, das wissen die Mitarbeiter nicht. Und deshalb kommt „GERT“ (Gerontologischer Testanzug) im Evangelischen Alten- und Pflegeheim Orsoy ins Spiel. GERT ist ein Alterssimulationsanzug, erklärt der Alterswissenschaftler Benjamin Hübbertz-Ivartnik der Alzheimergesellschaft Duisburg.

  

Empathie und Sensibilisierung

Hübbertz-Ivartnik reist damit von Altenheim zu Altenheim, um Mitarbeiter zu sensibilisieren. „Wir bieten die Workshops in allen sechs Häusern von uns an“, verrät Jens Deselaers, Fort- und Weiterbildungsbeauftragter der Evangelischen Altenhilfe Duisburg. „Das ist wichtig, um Mitarbeitern ins Bewusstsein zu holen, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Es geht vor allem um Empathie und Sensibilisierung, um das Verstehen der Menschen, die in den Einrichtungen leben“, macht Jens Deselaers deutlich. Ziemlich schnell erleben die 17 teilnehmenden Mitarbeiter aus der Sozialen Betreuung und der Pflege dann tatsächlich, wie es sich anfühlt, alt zu sein.

Aufgrund der gleißenden Hitze von 35 Grad an diesem hochsommerlichen Tag verzichtet Hübbertz-Ivartnik darauf, dass die Teilnehmer den ganzen Anzug ausprobieren. Aber zumindest die einzelnen Elemente werden genutzt. Zuerst geht es um die Sehkraft älterer Menschen. Die lasse nämlich insbesondere im  Alter nach, so Hübbertz-Ivartnik. Nicht nur das Sichtfeld und die Sehkraft an sich seien eingeschränkt, auch die Farbwahrnehmung leide im Alter stark. „Es gibt viele Augenkrankheiten, die die Menschen stark beeinträchtigen“, so der Alterswissenschaftler. Der Workshop-Leiter hat deshalb gleich sechs verschiedene Simulationsbrillen im Gepäck, die zum GERT-Equipment gehören.

„Der Gelbanteil wird herausgelöscht.“

Die Mitarbeiter setzen sie sich nacheinander auf. Schnell erfahren sie, wie sich beispielsweise grüner Star auf die Sehfähigkeit auswirkt. Eine Mitarbeiterin sagt: „Das hat meine Oma auch. So  sieht sie?“ Die Brillen simulieren beispielsweise  auch die Wahrnehmung der Farbtiefe. Eine Skibrille mit orangefarbener Tönung zeigt den Effekt. Mitarbeiter versuchen anhand einer Farbpalette die Farben zu erkennen. Der Blick ohne die Brille  auf die Palette ernüchtert: Fast alle Farben  wurden falsch benannt. „Bei vielen älteren Menschen wird der Gelbanteil einfach heraus gelöscht. Bei Mischfarben bleibt dann nur die Restfarbe. Das wäre bei Grün eben nur das Blau.“ Durch veränderte Sicht sei eine veränderte Umgebungswahrnehmung da, die dann zur Sturzgefahr führe.

Benjamin Hübbertz-Ivartnik hat noch andere Simulationselemente von GERT dabei. Auch die Simulation des Alterszitterns durch den Tremor-Simulator hat es in sich. Es werden kleine elektrische Impulse in Stoffhandschuhe  gesendet, die die Teilnehmer anziehen. Ab einer gewissen Stärke zittern die Hände dann für wenige Minuten. Altenpflegerin Jessica bedient das Steuergerät selber. Und plötzlich fangen ihre Hände an zu zittern. Sie kann das Gerät kaum halten. Im nächsten Moment gießt sie sich Wasser ein. Das misslingt, die Flüssigkeit landet auf dem Boden. Kaum kann sie mit ihren zitternden Händen den Becher halten. Trotz aller Anstrengung landet der Becher auf einem Stuhl. Sie lacht, aber sagt auch direkt wieder völlig ernst: „Unvorstellbar, sowas zu haben. Und bei mir war es nur kurz.“ Auch andere Kollegen trauen sich an diese Übung, merken, dass sie nicht einmal ihre lang eingeübte Unterschrift leisten können. „Und das frustriert ältere Menschen. Sie ziehen sich deshalb oft zurück“, erklärt der Workshop-Leiter.

  

Hohe Sturzgefahr

Danach geht es in die nächste Runde.  Mitarbeiter ziehen sich eine Schürze um den Hals, tragen Spezialschuhe mit Gewichten drin, die das Gangbild verändern, und setzen zusätzlich die Skibrille auf. Wie Roboter laufen sie durch den Raum. Mit abgehackten Bewegungen und Schritten versuchen sie vorwärts zu kommen, merken schnell, dass eine starke Sturzgefahr besteht.

Das Fazit der Mitarbeiter nach dem rund 90-minütigen Workshop fällt positiv, aber auch ernüchternd aus. „In der Theorie wissen wir das, aber jetzt lässt sich viel besser nachvollziehen, warum ältere Menschen sich oft nicht bewegen wollen oder können. Laufen und Bewegungen fallen schwer, die Angst zu stürzen ist immer gegenwärtig, da auch die Sicht schlecht ist“, fasst Mitarbeiterin Elke Michels zusammen. Auch der Altenpflegeauszubildende Edwin Melcher hat dazugelernt: “Das hat meinen Horizont erweitert. Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und die andere Seite gesehen zu haben.”

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Der Autor dieses Beitrags, Sassan Dastkutah, macht derzeit eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen. Teil dieser Umschulung ist ein halbjähriges berufsorientiertes Praktikum, das er bei der Evangelischen Altenhilfe Duisburg absolviert. Er durchläuft unterschiedliche Abteilungen, um die Abläufe kennenzulernen und an typischen Aufgaben mitzuwirken.